Soodener Gespräche 2010
„Wie lässt sich die Lebensqualität durch
ergänzende Therapien verbessern?“
Sonnenberg-Klinik, Bad Sooden-Allendorf, 17. bis 18. September
2010
von Stephanie Volkmar
Die Soodener Gespräche 2010, die jährlich für Krebspatienten und
Angehörige in der Sonnenberg-Klinik in Bad Sooden-Allendorf
veranstaltet werden, hatten in diesem Jahr die Frage „Wie lässt
sich die Lebensqualität durch ergänzende Therapien verbessern?“ zum
Thema. Dass es möglich ist, die Lebensqualität auch nach einer
intensiven Tumortherapie durch ergänzende Therapien zu verbessern,
wurde in Vorträgen und Arbeitsgruppen überzeugend bestätigt. In
seinen einführenden Worten zur Tagung wies Prof. Heim daraufhin,
dass eine patientenorientierte Medizin den Patienten und nicht die
Krankheit in den Vordergrund stellt. Dabei ist gerade in der
Behandlung von Krebserkrankungen die gesundheitsbezogene
Lebensqualität oft von größerer Bedeutung als technische Daten. Für
viele ergänzende oder komplementäre Verfahren konnte bisher der
Nachweis für therapeutische Wirksamkeit nach den klassischen
Methoden der Wissenschaft, wie Remission oder
Lebenszeitverlängerung, nicht erbracht werden. Nun lässt sich ein
Therapieeffekt auch durch Methoden der Patientenbefragung, wie
fragebogengestützte Lebensqualitätserhebung, nachweisen. Auch
komplementäre Therapien, und hierzu zählen neben Phytotherapien
auch Methoden der physikalischen Medizin, kreative
Therapieverfahren, Bewegungstherapie usw., lassen sich durchaus mit
geeigneten Methoden wissenschaftlich überprüfen. Es ist Aufgabe der
Ärzte darüber aufzuklären, welche komplementären Therapien
wissenschaftlich ausreichend auf ihre Wirksamkeit untersucht worden
sind und welche eben auch nicht. Gerade die Sonnenberg- Klinik
sieht ihre Aufgabe darin, Patienten, ausgehend von ihren
Bedürfnissen, möglichst unabhängig zu beraten.
Das Einführungsreferat hielt Pastor Bernd Lohse von der Hauptkirche
St. Jacobi in Hamburg über
„Kraftquellen Pilgern und
Naturerleben“. Bernd Lohse wies daraufhin, dass Pilgern
neben der körperlichen Anstrengung des Wanderns eine weitaus
tiefergehende Bedeutung hat. Naturerleben und Religiosität gehören
zusammen und wer sich in der Natur bewegt und auf Berge steigt,
bewegt sich in einer Welt, in der der Mensch Teil eines großen
Ganzen, Geschöpf in einer großartigen Schöpfung ist. Hier kann er
Grenz- und Transzendenzerfahrungen machen und neue Wege fi nden.
Pilgern heißt frei und ohne Ablenkung ausschreiten, pilgernd
Einkehr halten, gehen und schweigen – mit den Füßen beten. Nach
mehreren populären Pilgerberichten hat das Pilgern, insbesondere
auf dem Jacobsweg nach Santiago De Compostela, einen ungeahnten
Zulauf bekommen. Hier wurden im letzten Jahr fast 200.000 Pilger
gezählt. Aber auch in Deutschland gibt es mehr oder weniger
unbekannte Pilgerstrecken, unter anderem die 300 km lange Strecke
vom niedersächsischen Loccum bis ins thüringische Volkenroda. Da
dieser Weg auch über Bad Sooden-Allendorf führt, ist es nahe
liegend, auch die Sonnenberg-Klinik als Teil eines Pilgerwegs zu
betrachten.
Im weiteren Vortragsprogramm zeigte Prof. Dr. Harald Wallach vom
Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften der
Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder die
„Wirkung
von unkonventionellen Therapiemethoden bei
Krebserkrankungen“ auf. Anhand von zahlreichen Studien
konnte er aufzeigen, wie durch Meditation, Entspannungstraining und
Achtsamkeitsübungen ent sprechend dem von Prof. Jon Kabat-Zinn
entwickelten achtwöchigen Mind fulness Based Stress Reduction
Programm (MBSR) die Lebensqualität deutlich gebessert werden
konnte. In einer kontrollierten, randomisierten Studie konnte auch
nachgewiesen werden, dass Therapeuten, die regelmäßig meditieren,
deutlich bessere Therapieerfolge bei ihren Patienten erzielen
konnten als Therapeuten, die dies nicht taten.
Prof. Münstedt aus der Universitäts- Frauenklinik in Gießen gab
dann Empfehlungen für die
„Praxis der komplementären
Therapieverfahren in der Onkologie: Pro und Contra komplementärer
Therapieverfahren in der Onkologie“. Er betonte, dass
unterstützende Therapieverfahren keine Alternative zu
wissenschaftlich erprobten Tumor therapien sind, sondern ihre
Wirkung in der Verminderung von Nebenwirkungen und Verbesserung des
Befi ndens haben. Auch Pfl anzentherapeutika und Nahrungs
mittelergänzungen können den Stoffwechsel anderer Medikamente
beeinfl ussen, so dass grundsätzlich auch komplementäre
Therapieverfahren unbedingt mit dem behandelnden Arzt besprochen
werden sollten. Schon der Genuss von Grapefruitsaft kann die
Wirksamkeit bzw. die Nebenwirkungen von Tumortherapeutika stark
beeinfl ussen. Interessanterweise habe sich Honig mit seinen vielen
Inhaltsstoffen als protektiv gegen Strahlenreaktionen an der Haut
erwiesen. Hier werden derzeit Untersuchungen zur praktischen
Anwendbarkeit durchgeführt. Dr. Freerk Baumann vom Institut für
Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule
in Köln berichtete engagiert über
„Die Macht der
Bewegung“, insbesondere über die starken Effekte
körperlicher Bewegung in der Prävention, Therapie und Nachsorge von
Krebspatienten. Wichtig ist hier, nach Überprüfung der momentanen
Leistungsfähigkeit ein langsam aufbauendes Trainingskonzept für
jeden Patienten zu entwickeln und vor intensiver sportlicher
Betätigung eine internistische Untersuchung durchzuführen. Die
positive Wirkung auf das psychische Befi nden mit Abbau von Ängsten
und Depressionen konnte Dr. Baumann in mehreren Untersuchungen an
Patientengruppen nachweisen, die er bei Wandertouren in Norwegen
oder auf dem Jacobsweg in Spanien begleitete. Frau
Diplom-Psychologin Peuker von der Psychosozialen Beratungsstelle
für Tumorpatienten und ihre Angehörige der Universität Leipzig gab
dann Empfehlungen zum
„Umgehen mit der Angst“.
Angst ist ein zutiefst menschliches Gefühl, das jeder kennt und das
eine Warnfunktion hat, um eine Gefahr zu vermeiden oder mit ihr
fertig zu werden. Frau Peuker gab viele Anregungen zur Selbsthilfe
und betonte, dass es in schwierigen Situationen wichtig sei, auch
Hilfe von Freunden, der Familie und professionellen Therapeuten in
Anspruch zu nehmen. Durch die vermehrte Ausbildung von
Psychoonkologen in den letzten Jahren sei es meist auch möglich,
einen Therapeuten vor Ort zu fi nden (zum Beispiel www.
dapo-ev.de).
In zahlreichen Arbeitsgruppen konnten sich die Teilnehmer der
Soodener Gespräche dann aktiv einbringen. Themen waren unter
anderem Stressbewältigung, Feldenkrais-Methode, Bachblütentherapie,
Musiktherapie mit Naturklängen, Meridian Energie Techniken,
DanseVita- Tanztherapie und Kunsttherapie.
Eine eindrucksvolle Kunstausstellung „Krebs – kein Grund zum
Verzweifeln“ mit Fotografi en und Kollagen von Kornelia Roth
begleitete die Soodener Gespräche. Die Künstlerin hatte während
eines Aufenthaltes in der Klinik im Jahre 2003 ästhetisch sehr
eindrucksvoll Kahlköpfi gkeit zum Thema gemacht und jetzt einige
der damals fotografi erten Patienten zur Ausstellungseröffnung
eingeladen.
Die Bilder zeigten trotz Haarverlust ein äußeres Erscheinungsbild,
dass zwar ungewohnt, aber doch körperliche Schönheit
ausdrückte.
In einer Abendveranstaltung in der Kongresshalle stellte das
Theater Knotenpunkt Zürich das interaktive Theaterstück „Alles
Liebe“ dar. Auf einer nur spärlich ausgestatteten Bühne stellten
vier Schauspielerinnen und Schauspieler Situationen in der
Kommunikation von Krebspatienten mit Freunden, Angehörigen und
Ärzten sehr intensiv und berührend dar. In eindrucksvollen
schauspielerischen Leistungen wurden die Bedürfnisse der Patienten,
die Hilflosigkeit der Angehörigen und die Probleme im Umgang mit
medizinischem Personal dargestellt. In einem interaktiven Teil
hatte das Publikum dann Gelegenheit, einzelne Szenen zu stoppen und
alternative Verhaltensweisen selbst zu spielen.
Den Abschluss der Tagung bildeten eine musikalische Improvisation
und Lesungen aus „Muscheln in meiner Hand“ von Anne Morrow
Lindbergh. Mit dem Satz von Theresa von Avila „Tue Deinem Körper
Gutes, damit die Seele Lust hat, in ihm zu wohnen“ und einer
Jacobsmuschel wurden die Teilnehmer verabschiedet bis zu den
nächsten Soodener Gesprächen, die am 16./17. September 2011
stattfinden werden.