Die Online-Ausgabe des 17. Wicker-Magazin 2011
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Brasilien – armes, reiches, wunderbares Land


Eindrücke von einem Lehraufenthalt an der Universität Unama in Bele’m im Norden des Landes

Als ich im März diesen Jahres die Anfrage erhielt, ob ich als Expertin für Traumatherapie und Krisenintervention an einem Lehraufenthalt an der Universidade de Amazonia (UNAMA) in Belém teilnehmen wollte und zusagte, ahnte ich noch nicht, wie viele widersprüchliche und auch faszinierenden Eindrücke und Erlebnisse ich mit im Gepäck nach hause nehmen würde.
Die Einladung war über eine seit 3 Jahren bestehende Kooperation der Evangelischen Hochschule Freiburg, wo ich Lehrbeauftragte bin, der Evangelischen Hochschule Bochum mit der UNAMA in Belém zustande gekommen. Im Zeitraum vom 22.8.-2.9. reiste ich mit 2 Kollegen der Hochschulen Freiburg und Bochum über Rio de Janeiro nach Belém.

Rio de Janeiro ist mit 6 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Brasiliens.

Bereits im Anflug am frühen Morgen beeindruckte mich die Lage der Stadt, eingebettet zwischen bewaldeten Bergzügen, schroffen Morros (kegelförmige Hügel) und sanft geschwungenen Meeresbuchten. Vielleicht behaupten die Cariocas (Einwohner Rios) zu Recht, dass ihre Stadt die schönstgelegenste der Welt ist. Vom Balkon meines im 10.Stock gelegenen Hotelzimmers an der Copacabana hatte ich einen traumhaften Blick auf den wohl berühmtesten 4,5 km langen Strandabschnitt Rios. Die Strände sind für die Bewohner „die Seele“ Rios, die Stadt verfügt insgesamt über ca. 100 km Strandabschnitte. Von früh bis spät in die Nacht wird fl aniert, gebadet, gesurft, gejoggt, Fußball und Volleyball gespielt und dem den Brasilianern eigenen Körperkult gefrönt. Bekleidet mit minimalistischen Andeutungen von Badetextilien präsentieren die Brasilianerinnen und Brasilianer stolz und selbstbewusst ihre Körper und das völlig unabhängig, ob Sie Kleidergröße S, M, L oder XL tragen. Die Freude an Körperlichkeit begegnete mir überall, nicht nur an den Stränden von Rio, auch bei Volkstänzen der lutheranischen Gemeinde in Belém oder bei Kontakten zu Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule, die uns schon beim Erstkontakt zur Begrüßung freundlich in den Arm nahmen und dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholten. Für mich als Deutsche, die ich andere gern händeschüttelnd auf Distanz halte, war dies zunächst befremdlich. Die Herzlichkeit der Brasilianerinnen und Brasilianer machte es mir dann jedoch leicht, mich auf diese wohlgemeinte Form der Begegnung einzulassen. In Rio nutzte ich die 2 Tage meines Aufenthaltes, um Sehenswürdigkeiten wie den Pao de Acugar (Zuckerhut), den Corcovado mit der 38 m großen Christus statue, den Tijuca-Nationalpark, die Altstadt, Santa Teresa, eine Edelsteinfabrik und den Ipanemastrand anzuschauen. Das alles bei angenehmen 25 Grad und Sonne. Die Stadt ist in den Touristenquartieren sehr sauber, die Preise in der Gastronomie unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland, die Mieten sollen in guten Vierteln astronomisch hoch sein. Die meisten der besseren Wohnhäuser sind von hohen Zäunen umschlossen und von Sicherheitspersonal bewacht. Insgesamt fi el mir die hohe Polizeipräsens auf, die mich anfangs zwar irritierte, gleichzeitig aber auch ein gewisses Sicherheitsgefühl gab, da es z.B. auch abends möglich war am Strand zu fl anieren. Noch vor 10 Jahren wäre das nicht möglich gewesen, weil die Stadt von räuberischen Jugendbanden beherrscht war, die auch tagsüber die Strände heimsuchten und insbesondere Touristen ausraubten.
Neben den herausgeputzten Sehenswürdigkeiten für die Touristen, gibt es in Rio unzählige Elendsquartiere (Favelas), wo Menschen in großer Armut, oft ohne Wasser und Strom leben. Obwohl während der mittlerweile 8-jährigen Regierung der Arbeiterpartei (PT) unter dem sehr beliebten Präsidenten Lula da Silva der Mittelstand um ca. 30 Millionen Menschen gewachsen ist, leben noch immer viele der 180 Millionen Brasilianer in für uns nicht vorstellbarer Armut. Es gibt in Rio touristische Führungen durch einige der Favelas, ich konnte mich jedoch nicht zu einer Teilnahme entschließen, da mich das Angebot des touristische Elendsvoyeurismus unangenehm berührte.

2 Tage nach meiner Ankunft in Brasilien fl og ich dann 4000 km weiter nach Norden in das Mündungsgebiet des Amazonas nach Belém (zu deutsch: Betlehem). Belém ist die Hauptstadt des Bundesstaates Para, hat etwa 1,6 Millionen Einwohner und ist aus brasilianischer Sicht eine Provinzstadt. Sie wurde 1616 gegründet, seitdem wird ein wesentlicher Teil des Handels in den Amazonas hinein (und hinaus) über Belém abgewickelt. Das Klima ist tropisch, Belém liegt am Äquator, es herrschen meistens zwischen 35 und 40°C tagsüber, nachts um die 30°C. Zur Zeit des Lehraufenthaltes regnete es täglich eine halbe Stunde bis eine Stunde sehr intensiv- keine Tropfen, sondern eher als würde vom Himmel ein großer Eimer ausgeschüttet-, ansonsten war es drückend heiß – allein diese klimatische Umstellung war eine Herausforderung, die zum Teil aber auch das gesamte öffentliche Leben lähmt.
Der Amazonas, der Fluss der Flüsse mit 6575 km Länge und über 1000 Nebenfl üssen, ist die Lebensader der Region. Er führt insgesamt 25 % des weltweiten Süßwassers. Er spielt eine zentrale Rolle im Leben der BewohnerInnen, es gibt einen regen Handel, der überall in der Stadt spürbar ist. An allen Stellen fi nden sich Straßenhändler, abends eröffnen ambulante Straßen- Eck-Restaurants in der Form, dass Händler Stühle und Tische auf Bürgersteigen aufbauen und Getränke und Essen verkaufen, um anschließend wieder alles einzupacken und zu verschwinden. Die Stadt ist insgesamt jedoch nicht reich. Viele Gebäude – auch noch aus der portugiesischen Kolonialzeit – wirken heruntergekommen und ungepfl egt. Aufgrund der großen Wärme und Feuchtigkeit tritt sehr viel Schimmel auf, der auch neuere Gebäude, wenn sie nicht von außen gefl iest oder gekachelt sind, sehr schnell unansehnlich aussehen lassen. In den letzten Jahren sind sehr viele Hochhäuser entstanden oder noch im Entstehen – wer es sich leisten kann, wohnt in einem solchen, meist gut abgesicherten Haus, da es viel Kriminalität in der Stadt gibt.
In der Umgebung von Belém gibt es eine Reihe von Bodenschätzen, vor allem Bauxit – allerdings sind die Minen bzw. Schürfrechte an ausländische Konzerne verkauft worden, so dass die Menschen in der Region davon kaum profi tieren. Es sind immer wieder sehr große Unterschiede zwischen Reichtum und Armut sichtbar. Besonders in den Stadtrand-Gebieten gibt es viele Viertel, in denen arme Menschen wohnen, diese Viertel haben zumeist keinen Strom und kein fl ießendes Wasser. Nur etwa 20% der Haushalte in Belém haben überhaupt ein reguläres Abwassersystem. Weiter außerhalb, am Amazonas, sind kleine einzelne Hütten oder Hüttenansiedlungen direkt am Flussufer, gewissermaßen dem Dschungel abgerungen, in denen ebenfalls zumeist ohne Strom und Abwasser die Menschen von Fischfang oder von Fruchtanbau leben. Wegen der klimatischen Bedingungen können jährlich bis zu 3 Ernten eingefahren werden. Der Austausch mit der Stadt erfolgt ausschließlich über den Fluss.
Sehr oft wurde von Seiten der BrasilianerInnen ein hohes Gewaltpotenzial angesprochen. Uns wurde dringend geraten keine Fotoapparate oder Handys offen zu tragen, möglichst ohne Handtaschen loszugehen, etc. Anders als in Rio sollten wir abends keine Wege zu Fuß machen, sondern stets mit dem Taxi. Die Taxifahrer hielten aus Furcht vor Überfällen abends an roten Ampeln nicht an, sondern tasteten sich vorsichtig über die Kreuzungen. Insbesondere in den Armenvierteln (Favelas) scheint die Gewalt den Lebensalltag der Menschen zu prägen. Viele der Bewohner sind ohne jegliches Einkommen und bestreiten ihren Lebensunterhalt durch kriminelle Delikte. Angesichts dieser allgegenwärtigen Anwesenheit von Gewalt wirkten die in Deutschland entwickelten Antigewaltkonzepte und die Therapie von Traumafolgestörungen aus unserer Sicht etwas befremdlich. Die brasilianischen ForscherInnen zeigten jedoch großes Interesse an entsprechenden Interventionskonzepten.

Überhaupt war ich immer wieder erstaunt darüber und gleichzeitig berührt, dass so viele Menschen in Brasilien , trotz erheblicher sozialer Probleme, mutig und optimistisch in die Zukunft blicken und bereit sind, mit teilweise sehr begrenzten Mitteln positive Veränderungsprozesse in Angriff zu nehmen.
Für den Lehraufenthalt waren von den Hochschullehrern der UNAMA Vorträge und Seminare, die wir abhalten sollten, geplant worden und Besichtigungen zahlreicher sozialer Projekte, was wir uns im Vorfeld gewünscht hatten. Die UNAMA selbst ist eine private Universität mit 10000 Studierenden. Neben Medizin, Psychologie, Sozialer Arbeit und Pädagogik werden technische Studiengänge , wie Architektur und Bauingenieurwesen, auch Ökonomie und Soziologie angeboten. Anders als in Deutschland sind in Brasilien auch Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie Studienfächer. Bei der Vorstellung und Führung durch die jeweiligen Fachbereiche hat mich die enge Verzahnung der Gesundheitswissenschaften bereits während des Studiums sehr beeindruckt, da dadurch eine effi zienter PatientInnenversorgung möglich sein sollte. Laut Aussagen der jeweiligen Professorinnen und Professoren ist das auch für diejenigen, die sich eine Krankenversicherung leisten können der Fall. All die, die keine Krankenversicherung haben und auf die Versorgung in öffentlichen Krankenhäusern angewiesen sind, müssen sich jedoch mit sehr schlechten Bedingungen im Gesundheitssystem zufrieden geben.

Der Lehrbetrieb an der UNAMA läuft zwischen 16.00 und 22.00 Uhr ab. Man versicherte uns, dass das auch an den anderen Hochschulen so üblich sei, weil die StudentInnen vormittags arbeiten müssen, um die monatlichen Studiengebühren zu bezahlen (etwa 350 Euro) und die Lehrtätigen vormittags an Schulen als Lehrer arbeiten, da sie als ProfessorInnen wenig verdienen. Sehr gewöhnungbedürftig war für mich der fl exible Umgang, den die Brasilianer mit Zeit und Terminen pfl egen. So lernte ich, dass Pünktlichkeit bei privaten Verabredungen eher unhöfl ich ist, da alle mindestens eine halbe Stunde Verspätung einkalkulieren. Auch die Lehrveranstaltungen wurden im fl exiblen Zeitzonen geplant: Wenn der Beginn um 17.00 Uhr angesetzt war, konnte es durchaus bis 18.30 Uhr dauern, bis ein Raum gefunden war und die Lehrveranstaltung losging. Für uns eher ungewöhnlich, anfangs auch mit leichtem Ärger verbunden, für alle anderen Normalität, die mit unaufgeregter Gelassenheit und gut gelaunt hingenommen wurde. Brasilianer fi nden immer für alles eine Lösung, wenn auch nicht sofort. Bei unseren Lehrveranstaltungen, die von einer Dolmetscherin vom Deutschen ins Portugiesische übersetzt wurden, trafen wir auf sehr motivierte Studentinnen und Studenten, die neben den Lehrinhalten auch großes Interesse an den Verhältnissen in Deutschland zeigten. Aufgrund der erheblichen sozialen Probleme in Brasilien zollten die Studierenden insbesondere den Errungenschaften des Sozialsystems in Deutschland größten Respekt.

Bei der Besichtigung sozialer Projekte, wie Urwaldschule, Kindergärten in Favelas, lutheranischer Gemeinde, Musikhochschule mit Chelloorchester für autistische Kinder haben mich zwei Besuche besonders nachhaltig beeindruckt: Zum einen der Besuch einer Psycihatrie, wo für ein Einzugsgebiet von ca. 2 Millionen Einwohner 30 stationäre Betten vorgehalten werden. In großen Sälen fanden wir Erwachsene und Kinder und Jugendliche gemischt unter elenden Bedingungen „aufbewahrt“, Anstaltskleidung tragend, teilweise fi xiert. Bedingungen, wie sie in Deutschland vielleicht vor 25 Jahren geherrscht haben. Im Gespräch mit der zuständigen Psychiaterin, Psychologin und Sozialarbeiterin erlebten wir wieder das große Engagement der professionellen Helferinnen und deren Optimismus, was mein Gefühl der Hoffnunglosigkeit angesichts der widrigen Zustände etwas milderte. Das 2. Projekt, welches mich nachhaltig berührte, war der nachmittägliche Violinenunterricht in einem Armenquartier der durch einen hochanerkannten brasilianischen Musikprofessor angeboten wurde. Das Projekt besteht seit 3 Jahren. Etwa 25 Kinder zwischen 4 und 16 Jahren erhalten 2x wöchentlich durch den Professor Violinenunterricht und ein warmes Mittagessen. Sie stammen aus völlig verwahrlosten Verhältnissen, kommen trotzdem fast alle regelmäßig, lernen außer dem Violinspielen zuzuhören, sich zu konzentrieren, Teamgeist, Schulung der Wahrnehmung und wechselseitige Wertschätzung. Die Freude der Kinder am Musizieren und der Stolz das erworbene Können vorzuführen war ein wunderbares berührendes Erlebnis für uns als Besucher und hat aufgezeigt, dass es möglich ist, Menschen auch mit kleinen gezielten Maßnahmen in ihrer Entwicklung zu fördern und zu unterstützen.

Meine Eindrücke von dem Lehraufenthalt sind bunt und vielfältig: Brasilien ist ein ungeheuer großes Land (24x größer als Deutschland) mit großartigen Landschaften und beeindruckender üppiger Flora und Fauna. Auch die Menschen sind „bunt“, aufgrund der vielfachen Einwanderungsschübe besteht ein Bevölkerungsmix aus Weißen, braunhäutigen Mischlingen, Schwarzen (Nachfahren afrikanischer Sklaven), Amazonas-Ureinwohnern und Asiaten. Mir sind viele sehr freundliche und selbstbewusste BrasilianerInnen begegnet, der Blick in die Zukunft ist bei vielen durch Optimismus geprägt. Trotz einer sich allmählich entwickelnden Mittelschicht ist die Kluft zwischen arm und reich immer noch sehr groß und führt zu erheblichen sozialen Problemen. Es gibt eine Vielzahl kleiner sozialer Projekte von sehr engagierten Menschen, die eine große positive Strahlkraft haben und Anlas zu Hoffnung geben. Die Reise wirkt bei mir weiter nach und… ja, ich glaube mittlerweile, dass es nicht meine letzte Brasilienreise war.

Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff

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