Brasilien – armes, reiches, wunderbares Land

Eindrücke von einem Lehraufenthalt an
der Universität Unama in Bele’m im Norden des
Landes
Als ich im März diesen Jahres die Anfrage erhielt, ob ich als
Expertin für Traumatherapie und Krisenintervention an einem
Lehraufenthalt an der Universidade de Amazonia (UNAMA) in Belém
teilnehmen wollte und zusagte, ahnte ich noch nicht, wie viele
widersprüchliche und auch faszinierenden Eindrücke und Erlebnisse
ich mit im Gepäck nach hause nehmen würde.
Die Einladung war über eine seit 3 Jahren bestehende Kooperation
der Evangelischen Hochschule Freiburg, wo ich Lehrbeauftragte bin,
der Evangelischen Hochschule Bochum mit der UNAMA in Belém zustande
gekommen. Im Zeitraum vom 22.8.-2.9. reiste ich mit 2 Kollegen der
Hochschulen Freiburg und Bochum über Rio de Janeiro nach
Belém.
Rio de Janeiro ist mit 6 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt
Brasiliens.
Bereits im Anflug am frühen Morgen beeindruckte mich die Lage der
Stadt, eingebettet zwischen bewaldeten Bergzügen, schroffen Morros
(kegelförmige Hügel) und sanft geschwungenen Meeresbuchten.
Vielleicht behaupten die Cariocas (Einwohner Rios) zu Recht, dass
ihre Stadt die schönstgelegenste der Welt ist. Vom Balkon meines im
10.Stock gelegenen Hotelzimmers an der Copacabana hatte ich einen
traumhaften Blick auf den wohl berühmtesten 4,5 km langen
Strandabschnitt Rios. Die Strände sind für die Bewohner „die Seele“
Rios, die Stadt verfügt insgesamt über ca. 100 km Strandabschnitte.
Von früh bis spät in die Nacht wird fl aniert, gebadet, gesurft,
gejoggt, Fußball und Volleyball gespielt und dem den Brasilianern
eigenen Körperkult gefrönt. Bekleidet mit minimalistischen
Andeutungen von Badetextilien präsentieren die Brasilianerinnen und
Brasilianer stolz und selbstbewusst ihre Körper und das völlig
unabhängig, ob Sie Kleidergröße S, M, L oder XL tragen. Die Freude
an Körperlichkeit begegnete mir überall, nicht nur an den Stränden
von Rio, auch bei Volkstänzen der lutheranischen Gemeinde in Belém
oder bei Kontakten zu Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule,
die uns schon beim Erstkontakt zur Begrüßung freundlich in den Arm
nahmen und dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholten.
Für mich als Deutsche, die ich andere gern händeschüttelnd auf
Distanz halte, war dies zunächst befremdlich. Die Herzlichkeit der
Brasilianerinnen und Brasilianer machte es mir dann jedoch leicht,
mich auf diese wohlgemeinte Form der Begegnung einzulassen. In Rio
nutzte ich die 2 Tage meines Aufenthaltes, um Sehenswürdigkeiten
wie den Pao de Acugar (Zuckerhut), den Corcovado mit der 38 m
großen Christus statue, den Tijuca-Nationalpark, die Altstadt,
Santa Teresa, eine Edelsteinfabrik und den Ipanemastrand
anzuschauen. Das alles bei angenehmen 25 Grad und Sonne. Die Stadt
ist in den Touristenquartieren sehr sauber, die Preise in der
Gastronomie unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland, die
Mieten sollen in guten Vierteln astronomisch hoch sein. Die meisten
der besseren Wohnhäuser sind von hohen Zäunen umschlossen und von
Sicherheitspersonal bewacht. Insgesamt fi el mir die hohe
Polizeipräsens auf, die mich anfangs zwar irritierte, gleichzeitig
aber auch ein gewisses Sicherheitsgefühl gab, da es z.B. auch
abends möglich war am Strand zu fl anieren. Noch vor 10 Jahren wäre
das nicht möglich gewesen, weil die Stadt von räuberischen
Jugendbanden beherrscht war, die auch tagsüber die Strände
heimsuchten und insbesondere Touristen ausraubten.
Neben den herausgeputzten Sehenswürdigkeiten für die Touristen,
gibt es in Rio unzählige Elendsquartiere (Favelas), wo Menschen in
großer Armut, oft ohne Wasser und Strom leben. Obwohl während der
mittlerweile 8-jährigen Regierung der Arbeiterpartei (PT) unter dem
sehr beliebten Präsidenten Lula da Silva der Mittelstand um ca. 30
Millionen Menschen gewachsen ist, leben noch immer viele der 180
Millionen Brasilianer in für uns nicht vorstellbarer Armut. Es gibt
in Rio touristische Führungen durch einige der Favelas, ich konnte
mich jedoch nicht zu einer Teilnahme entschließen, da mich das
Angebot des touristische Elendsvoyeurismus unangenehm
berührte.
2 Tage nach meiner Ankunft in Brasilien fl og ich dann 4000 km
weiter nach Norden in das Mündungsgebiet des Amazonas nach Belém
(zu deutsch: Betlehem). Belém ist die Hauptstadt des Bundesstaates
Para, hat etwa 1,6 Millionen Einwohner und ist aus brasilianischer
Sicht eine Provinzstadt. Sie wurde 1616 gegründet, seitdem wird ein
wesentlicher Teil des Handels in den Amazonas hinein (und hinaus)
über Belém abgewickelt. Das Klima ist tropisch, Belém liegt am
Äquator, es herrschen meistens zwischen 35 und 40°C tagsüber,
nachts um die 30°C. Zur Zeit des Lehraufenthaltes regnete es
täglich eine halbe Stunde bis eine Stunde sehr intensiv- keine
Tropfen, sondern eher als würde vom Himmel ein großer Eimer
ausgeschüttet-, ansonsten war es drückend heiß – allein diese
klimatische Umstellung war eine Herausforderung, die zum Teil aber
auch das gesamte öffentliche Leben lähmt.
Der Amazonas, der Fluss der Flüsse mit 6575 km Länge und über 1000
Nebenfl üssen, ist die Lebensader der Region. Er führt insgesamt 25
% des weltweiten Süßwassers. Er spielt eine zentrale Rolle im Leben
der BewohnerInnen, es gibt einen regen Handel, der überall in der
Stadt spürbar ist. An allen Stellen fi nden sich Straßenhändler,
abends eröffnen ambulante Straßen- Eck-Restaurants in der Form,
dass Händler Stühle und Tische auf Bürgersteigen aufbauen und
Getränke und Essen verkaufen, um anschließend wieder alles
einzupacken und zu verschwinden. Die Stadt ist insgesamt jedoch
nicht reich. Viele Gebäude – auch noch aus der portugiesischen
Kolonialzeit – wirken heruntergekommen und ungepfl egt. Aufgrund
der großen Wärme und Feuchtigkeit tritt sehr viel Schimmel auf, der
auch neuere Gebäude, wenn sie nicht von außen gefl iest oder
gekachelt sind, sehr schnell unansehnlich aussehen lassen. In den
letzten Jahren sind sehr viele Hochhäuser entstanden oder noch im
Entstehen – wer es sich leisten kann, wohnt in einem solchen, meist
gut abgesicherten Haus, da es viel Kriminalität in der Stadt
gibt.
In der Umgebung von Belém gibt es eine Reihe von Bodenschätzen, vor
allem Bauxit – allerdings sind die Minen bzw. Schürfrechte an
ausländische Konzerne verkauft worden, so dass die Menschen in der
Region davon kaum profi tieren. Es sind immer wieder sehr große
Unterschiede zwischen Reichtum und Armut sichtbar. Besonders in den
Stadtrand-Gebieten gibt es viele Viertel, in denen arme Menschen
wohnen, diese Viertel haben zumeist keinen Strom und kein fl
ießendes Wasser. Nur etwa 20% der Haushalte in Belém haben
überhaupt ein reguläres Abwassersystem. Weiter außerhalb, am
Amazonas, sind kleine einzelne Hütten oder Hüttenansiedlungen
direkt am Flussufer, gewissermaßen dem Dschungel abgerungen, in
denen ebenfalls zumeist ohne Strom und Abwasser die Menschen von
Fischfang oder von Fruchtanbau leben. Wegen der klimatischen
Bedingungen können jährlich bis zu 3 Ernten eingefahren werden. Der
Austausch mit der Stadt erfolgt ausschließlich über den
Fluss.
Sehr oft wurde von Seiten der BrasilianerInnen ein hohes
Gewaltpotenzial angesprochen. Uns wurde dringend geraten keine
Fotoapparate oder Handys offen zu tragen, möglichst ohne
Handtaschen loszugehen, etc. Anders als in Rio sollten wir abends
keine Wege zu Fuß machen, sondern stets mit dem Taxi. Die
Taxifahrer hielten aus Furcht vor Überfällen abends an roten Ampeln
nicht an, sondern tasteten sich vorsichtig über die Kreuzungen.
Insbesondere in den Armenvierteln (Favelas) scheint die Gewalt den
Lebensalltag der Menschen zu prägen. Viele der Bewohner sind ohne
jegliches Einkommen und bestreiten ihren Lebensunterhalt durch
kriminelle Delikte. Angesichts dieser allgegenwärtigen Anwesenheit
von Gewalt wirkten die in Deutschland entwickelten
Antigewaltkonzepte und die Therapie von Traumafolgestörungen aus
unserer Sicht etwas befremdlich. Die brasilianischen ForscherInnen
zeigten jedoch großes Interesse an entsprechenden
Interventionskonzepten.
Überhaupt war ich immer wieder erstaunt darüber und gleichzeitig
berührt, dass so viele Menschen in Brasilien , trotz erheblicher
sozialer Probleme, mutig und optimistisch in die Zukunft blicken
und bereit sind, mit teilweise sehr begrenzten Mitteln positive
Veränderungsprozesse in Angriff zu nehmen.
Für den Lehraufenthalt waren von den Hochschullehrern der UNAMA
Vorträge und Seminare, die wir abhalten sollten, geplant worden und
Besichtigungen zahlreicher sozialer Projekte, was wir uns im
Vorfeld gewünscht hatten. Die UNAMA selbst ist eine private
Universität mit 10000 Studierenden. Neben Medizin, Psychologie,
Sozialer Arbeit und Pädagogik werden technische Studiengänge , wie
Architektur und Bauingenieurwesen, auch Ökonomie und Soziologie
angeboten. Anders als in Deutschland sind in Brasilien auch
Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie Studienfächer. Bei der
Vorstellung und Führung durch die jeweiligen Fachbereiche hat mich
die enge Verzahnung der Gesundheitswissenschaften bereits während
des Studiums sehr beeindruckt, da dadurch eine effi zienter
PatientInnenversorgung möglich sein sollte. Laut Aussagen der
jeweiligen Professorinnen und Professoren ist das auch für
diejenigen, die sich eine Krankenversicherung leisten können der
Fall. All die, die keine Krankenversicherung haben und auf die
Versorgung in öffentlichen Krankenhäusern angewiesen sind, müssen
sich jedoch mit sehr schlechten Bedingungen im Gesundheitssystem
zufrieden geben.
Der Lehrbetrieb an der UNAMA läuft zwischen 16.00 und 22.00 Uhr ab.
Man versicherte uns, dass das auch an den anderen Hochschulen so
üblich sei, weil die StudentInnen vormittags arbeiten müssen, um
die monatlichen Studiengebühren zu bezahlen (etwa 350 Euro) und die
Lehrtätigen vormittags an Schulen als Lehrer arbeiten, da sie als
ProfessorInnen wenig verdienen. Sehr gewöhnungbedürftig war für
mich der fl exible Umgang, den die Brasilianer mit Zeit und
Terminen pfl egen. So lernte ich, dass Pünktlichkeit bei privaten
Verabredungen eher unhöfl ich ist, da alle mindestens eine halbe
Stunde Verspätung einkalkulieren. Auch die Lehrveranstaltungen
wurden im fl exiblen Zeitzonen geplant: Wenn der Beginn um 17.00
Uhr angesetzt war, konnte es durchaus bis 18.30 Uhr dauern, bis ein
Raum gefunden war und die Lehrveranstaltung losging. Für uns eher
ungewöhnlich, anfangs auch mit leichtem Ärger verbunden, für alle
anderen Normalität, die mit unaufgeregter Gelassenheit und gut
gelaunt hingenommen wurde. Brasilianer fi nden immer für alles eine
Lösung, wenn auch nicht sofort. Bei unseren Lehrveranstaltungen,
die von einer Dolmetscherin vom Deutschen ins Portugiesische
übersetzt wurden, trafen wir auf sehr motivierte Studentinnen und
Studenten, die neben den Lehrinhalten auch großes Interesse an den
Verhältnissen in Deutschland zeigten. Aufgrund der erheblichen
sozialen Probleme in Brasilien zollten die Studierenden
insbesondere den Errungenschaften des Sozialsystems in Deutschland
größten Respekt.
Bei der Besichtigung sozialer Projekte, wie Urwaldschule,
Kindergärten in Favelas, lutheranischer Gemeinde, Musikhochschule
mit Chelloorchester für autistische Kinder haben mich zwei Besuche
besonders nachhaltig beeindruckt: Zum einen der Besuch einer
Psycihatrie, wo für ein Einzugsgebiet von ca. 2 Millionen Einwohner
30 stationäre Betten vorgehalten werden. In großen Sälen fanden wir
Erwachsene und Kinder und Jugendliche gemischt unter elenden
Bedingungen „aufbewahrt“, Anstaltskleidung tragend, teilweise fi
xiert. Bedingungen, wie sie in Deutschland vielleicht vor 25 Jahren
geherrscht haben. Im Gespräch mit der zuständigen Psychiaterin,
Psychologin und Sozialarbeiterin erlebten wir wieder das große
Engagement der professionellen Helferinnen und deren Optimismus,
was mein Gefühl der Hoffnunglosigkeit angesichts der widrigen
Zustände etwas milderte. Das 2. Projekt, welches mich nachhaltig
berührte, war der nachmittägliche Violinenunterricht in einem
Armenquartier der durch einen hochanerkannten brasilianischen
Musikprofessor angeboten wurde. Das Projekt besteht seit 3 Jahren.
Etwa 25 Kinder zwischen 4 und 16 Jahren erhalten 2x wöchentlich
durch den Professor Violinenunterricht und ein warmes Mittagessen.
Sie stammen aus völlig verwahrlosten Verhältnissen, kommen trotzdem
fast alle regelmäßig, lernen außer dem Violinspielen zuzuhören,
sich zu konzentrieren, Teamgeist, Schulung der Wahrnehmung und
wechselseitige Wertschätzung. Die Freude der Kinder am Musizieren
und der Stolz das erworbene Können vorzuführen war ein wunderbares
berührendes Erlebnis für uns als Besucher und hat aufgezeigt, dass
es möglich ist, Menschen auch mit kleinen gezielten Maßnahmen in
ihrer Entwicklung zu fördern und zu unterstützen.
Meine Eindrücke von dem Lehraufenthalt sind bunt und vielfältig:
Brasilien ist ein ungeheuer großes Land (24x größer als
Deutschland) mit großartigen Landschaften und beeindruckender
üppiger Flora und Fauna. Auch die Menschen sind „bunt“, aufgrund
der vielfachen Einwanderungsschübe besteht ein Bevölkerungsmix aus
Weißen, braunhäutigen Mischlingen, Schwarzen (Nachfahren
afrikanischer Sklaven), Amazonas-Ureinwohnern und Asiaten. Mir sind
viele sehr freundliche und selbstbewusste BrasilianerInnen
begegnet, der Blick in die Zukunft ist bei vielen durch Optimismus
geprägt. Trotz einer sich allmählich entwickelnden Mittelschicht
ist die Kluft zwischen arm und reich immer noch sehr groß und führt
zu erheblichen sozialen Problemen. Es gibt eine Vielzahl kleiner
sozialer Projekte von sehr engagierten Menschen, die eine große
positive Strahlkraft haben und Anlas zu Hoffnung geben. Die Reise
wirkt bei mir weiter nach und… ja, ich glaube mittlerweile, dass es
nicht meine letzte Brasilienreise war.
Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff